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Dringender Aufruf: Personalmangel im Gesundheitswesen nicht auf Kosten der Ärmsten bekämpfen!

Der Mangel an Gesundheitsfachpersonen spitzt sich zu – in der Schweiz und weltweit.
30.9 Millionen Pflegefachpersonen fehlten weltweit im Jahr 2019, gemäss Schätzungen des International Council of Nurses ICN. Dieser Mangel hat sich durch die Covid-19-Pandemie verschärft und spitzt sich weiter zu – aufgrund der Alterung der Gesellschaft und weil viele Pflegefachpersonen nach der Pandemie den Beruf verlassen haben.
Die Schweiz hat bis 2029 einen zusätzlichen Bedarf von 15’900 Pflegefachpersonen.

Darüber hinaus müssen 27’500 Pflegefachpersonen ersetzt werden, die in den nächsten Jahren pensioniert werden. Diese Zahlen stammen aus dem nationalen Versorgungsbericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (obsan 2021).
Der Mangel beschränkt sich nicht auf die Pflegefachpersonen, sondern betrifft alle Gesundheitsberufe:
Ärzt*innen, Hebammen, Ergo-; Physiotherapeut*innen und weitere.

Rekrutierung im Ausland löst den Mangel an Fachpersonal nicht. Institutionen rekrutieren Gesundheitsfachpersonal aus dem Ausland, um ihre offenen Stellen zu
besetzen. 30 Prozent der diplomierten Pflegefachpersonen, die in der Schweiz arbeiten, wurden laut obsan 2021 im Ausland ausgebildet.
Bereits im Jahr 2012 forderten Verbände der Gesundheitsberufe, Gewerkschaften und Organisationen der internationalen Zusammenarbeit in einem Manifest, dass die Schweiz konsequent den WHO-Kodex zur internationalen Rekrutierung von Gesundheitspersonal umsetzen muss, der die Einhaltung von ethischen Grundsätzen fordert. Denn nur, wenn alle Länder qualitativ gute Arbeitsplätze für das
Personal bei ausreichender Bezahlung sicherstellen und bedarfsgerecht genügend Personal ausbilden, kann die Gesundheitsversorgung weltweit und in der Schweiz nachhaltig sichergestellt werden.

Nach zwölf Jahren und einer Pandemie zeigt sich: Die Schweiz kommt ihrer Verantwortung nicht nach, sondern rekrutiert mehr denn je im Ausland. Gleichzeitig hat die Zahl der Länder, die von extremem Gesundheitspersonalmangel betroffen sind, von 48 auf 55 zugenommen (WHO 2023).

Fairness, Verantwortung und das Recht auf Gesundheitsversorgung weltweit stehen auf dem Spiel

Durch die nicht regulierte weltweite Rekrutierung von Gesundheitspersonal leiden die Menschen im globalen Süden am meisten. Ausgerechnet die Menschen also, die von einer weitaus höheren Krankheitslast als wir betroffen sind. Das ist unfair und unsolidarisch. Die Gesundheitsversorgung im globalen Süden wird dadurch zusätzlich geschwächt. Das für viel Geld ausgebildete Personal verlässt Gemeindegesundheitszentren und Distriktspitäler. Das ist unverantwortlich.
Geschwächte Gesundheitsversorgung weltweit gefährdet die Gesundheit von Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Senior*innen. Das widerspricht dem Menschenrecht auf Gesundheit.

Die unverantwortliche Rekrutierungspraxis, auch von der Schweiz, führt dazu, dass
Krankheitsausbrüche nicht verhindert, eingegrenzt und bekämpft werden können. Das gefährdet die Gesundheit weltweit – auch der Menschen in der Schweiz.
Gesundheit ist der Schlüsselfaktor menschlicher Entwicklung – die unregulierte Rekrutierungspraxis gefährdet damit Frieden, Sicherheit und die Erreichung der Agenda 2030 der Vereinten Nationen. Das ist nicht nachhaltig.

Forderungen
Das Recht auf Gesundheit ist weltweit ein Recht für alle und das Gesundheitspersonal keine Ware.

Darum fordern wir:
• Die konsequente Einhaltung des WHO-Kodexes durch alle Schweizer Akteur*innen im
Schweizer Gesundheitssystem: Bund, Kantone, Spitäler, Heime…

• Kantone und Arbeitgeber*innen müssen in ein qualitativ gutes Arbeitsumfeld im
Gesundheitswesen investieren, damit nicht noch mehr Gesundheitspersonal aus Spitälern, Heimen und weiteren Gesundheitsinstitutionen davonläuft. Die Vorschläge dazu liegen längst auf dem Tisch (SBK 2022).

• Die Mittelverteilung im Gesundheitssystem muss stärker auf das Gesundheitspersonal
ausgerichtet werden – das heisst auf diejenigen Menschen, die tagtäglich die
Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sichern.

• Ausbildung: Qualität in der Ausbildung ist wichtig und die Kantone sind in der Verantwortung, dass die notwendigen Mittel gesprochen werden.

• Die internationale Zusammenarbeit der Schweiz muss gestärkt werden. Finanzielle Kürzungen treffen verschiedenste gesellschaftliche Bereiche, welche für die Gesundheit wichtig sind. Die Schweiz muss sich in der Gesundheitssystemstärkung und die Ausbildung von Gesundheitspersonal verstärkt engagieren.

• Die Schweiz soll sich international als Vorreiterin für die Umsetzung des WHO-Kodexes engagieren und innerhalb der WHO auf eine stärkere Verbindlichkeit des Kodexes hinwirken.

Basel/Bern, 23. Mai 

  Dringender Aufruf Gesundheitspersonal
Lanciert vom Netzwerk Medicus Mundi Schweiz und dem Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK, unterstützt durch eine breite Koalition von Schweizer Organisationen der internationalen Gesundheitszusammenarbeit, Gewerkschaften und Berufsverbänden.
Liste der unterzeichnenden Organisation siehe nachfolgend.

Unterzeichnende Organisationen
Alliance Sud
Amnesty International Schweiz
Enfants du Monde
Fondation suisse pour la santé mondiale
Fondation Terre des hommes
Handicap International
Schweizerischer Berufsverband der biomedizinischen Analytik und Labordiagnostik labmed
Médecins du Monde Suisse
Medicus Mundi Schweiz
medico international schweiz
mfe – Haus- und Kinderärzte Schweiz
Mission 21
Organizzazione cristiano-sociale ticinese ocst
physioswiss
Plattform Agenda 2030
Plattform Interprofessionalität
Public Health Schweiz
Schweizerischer Verband der Berufsorganisationen im Gesundheitswesen SVBG
Schweizer Berufsverband der Pflegefachfrauen und Pflegefachmänner SBK-ASI
Schweizerischer Verband der Ernährungsberater/innen SVDE
Schweizerischer Hebammenverband SHV
Schweizerisches Tropen- und Public Health-Institut
Sexuelle Gesundheit Schweiz
SolidarMed
Swiss Alliance against Neglected Tropical Diseases
Syna – Die Gewerkschaft
Travail.Suisse
Unia
Verband des Personals Öffentlicher Dienste vpod

 

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